„Umgang mit der psychischen Erkrankung gegenüber Anderen“
Hallo zusammen,
ich freue mich sehr, heute hier zu sprechen. Unser Thema lautet: „Umgang mit der psychischen Erkrankung gegenüber Anderen.“
Das ist ein Thema, das mir persönlich sehr nahegeht. Nicht nur, weil ich selbst betroffen bin – sondern weil ich über die Jahre gemerkt habe, wie stark uns nicht nur die Krankheit selbst fordert, sondern auch der Umgang mit der Umwelt: Wie andere reagieren, wie wir uns zeigen oder verstecken, wie wir mit Ablehnung oder Verständnislosigkeit klarkommen – oder mit echtem Mitgefühl.
Ich habe für mich einen klaren Grundsatz entwickelt:
Ich trage keine Maske mehr. Meine Erkrankung gehört zu meinem Leben. Sie ist chronisch. Und ich tue alles dafür, dass es mir gut geht.
Das klingt entschlossen – aber das war ein langer Weg. Und genau davon möchte ich heute erzählen.
Als ich die Diagnose bekam, war ich wie vor den Kopf gestoßen. Ich hatte keine körperliche Wunde, keinen Verband, kein sichtbares Zeichen. Und trotzdem war da etwas in mir, das mich massiv einschränkte. Ich fühlte mich schwach, falsch, irgendwie „nicht normal“.
Ich habe versucht, nach außen weiter zu funktionieren. Ich habe mich zusammengerissen, gelächelt, obwohl ich innerlich oft am Boden lag. Ich wollte niemandem zur Last fallen – vor allem nicht mit etwas, das ich selbst kaum greifen konnte.
Rückblickend war das vielleicht die schwerste Zeit: Diese innere Spaltung. Außen „alles okay“ – innen Chaos. Ich habe mich selbst immer wieder übergangen, um anderen das Gefühl zu geben: „Mit mir ist alles gut.“
Aber irgendwann ging das nicht mehr. Ich war leer. Und dann kam langsam die Erkenntnis:
Ich muss mich selbst ernst nehmen. Denn wenn ich das nicht tue – wer dann?
Der erste Schritt in die Offenheit war ein großer. Gegenüber engen Freunden war das ein Befreiungsschlag. Ich musste mich nicht mehr verstellen. Ich konnte sagen: „Heute ist kein guter Tag.“ Oder: „Ich brauche Ruhe.“ Und es wurde verstanden. Das hat mir geholfen, ehrlicher mit mir selbst zu sein.
Doch in meiner Familie war das ganz anders.
Meine Familie wollte es nicht wahrhaben, dass ich psychisch krank bin.
Es war, als hätte ich etwas ausgesprochen, das gar nicht existieren durfte. Statt Unterstützung kamen Sätze wie: „Es wird schon wieder alles gut.“ oder „Was sollen denn die Nachbarn sagen?“
Das hat wehgetan. Ich hatte gehofft, dass ich mich endlich öffnen kann – aber stattdessen fühlte ich mich abgelehnt, kleingeredet, beschämt. Es war, als würde meine Erkrankung nicht ernst genommen – und damit auch ich nicht. Ich habe mich unverstanden gefühlt, obwohl ich mir nur ein wenig Mitgefühl gewünscht hätte.
Diese Erfahrung hat mich gezwungen, etwas sehr Wichtiges zu lernen: innere Abgrenzung.
Es geht nicht nur darum, äußerlich Abstand zu halten. Es geht vor allem darum, mich innerlich zu schützen – davor, ständig an mir selbst zu zweifeln, nur weil andere meine Realität nicht verstehen wollen.
Ich habe gelernt zu sagen: „Das ist eure Sicht – aber nicht meine Wahrheit.“
Ich darf traurig sein, dass meine Familie mich nicht versteht. Aber ich darf trotzdem weitergehen. Ich muss nicht auf Verständnis warten, um gesund zu werden. Ich darf mich selbst schützen – auch vor den Erwartungen derer, die mir eigentlich nahestehen sollten.
Es gab Zeiten in meinem Leben, da war ich so allein mit allem, dass ich nicht mehr wusste, wie es weitergehen soll.
Ich habe immer wieder über Selbstmord nachgedacht. Nicht, weil ich unbedingt sterben wollte – sondern, weil ich so nicht mehr leben konnte. Weil der Schmerz zu groß war, die Einsamkeit zu laut, die Hoffnung zu klein.
Ich habe mich unendlich unverstanden gefühlt.
Fast alle sogenannten Freunde und Bekannten haben sich nach und nach zurückgezogen. Es wurde still um mich.
Keiner wollte mehr was wissen. Keine Nachfrage. Kein „Wie geht’s dir?“ – einfach Funkstille.
Und das hat so weh getan.
Es war, als hätte meine Erkrankung mir nicht nur innerlich den Boden entzogen, sondern auch noch die letzten sozialen Verbindungen gekappt.
Diese Phase war so schwer. Und ich war oft kurz davor aufzugeben.
Aber irgendwie – und ich weiß bis heute nicht genau wie – habe ich durchgehalten. Vielleicht war da ein ganz kleiner Funke in mir, der sagte: „Warte. Gib dich nicht auf.“
Vielleicht war es auch einfach die Erkenntnis, dass ich noch nicht alles versucht hatte, um mir selbst ein Zuhause zu sein.
Was mir letztlich geholfen hat, war nicht irgendein plötzlicher Lichtblick oder ein „Wunder von innen“.
Es war Hilfe von außen.
Professionelle Hilfe.
Ich war mehrfach in einer psychiatrischen Klinik, weil es nicht mehr anders ging. Ich habe Gesprächstherapie gemacht, Verhaltenstherapie, ich war im ambulant betreuten Wohnen – und ich war auch zwei Jahre in einer Tagesstätte, um wieder eine Tagesstruktur zu lernen.
Das klingt vielleicht nach einem langen Weg – und das war es auch.
Aber genau diese kleinen Schritte, diese stabilen Anker im Alltag, haben mir geholfen, mich ganz langsam wieder zurück ins Leben zu kämpfen.
Es war nicht einfach. Es gab viele Rückschläge. Viele Tage, an denen ich nur mit Mühe aufstehen konnte. Aber in der Tagesstätte habe ich wieder gelernt, einen Rhythmus zu finden, Verlässlichkeit aufzubauen, mich unter Menschen zu trauen – ohne Druck, in meinem Tempo.
Diese Hilfe hat mich nicht geheilt im Sinne von „alles ist weg“.
Aber sie hat mir gezeigt:
Ich bin nicht allein. Und ich darf mir Hilfe holen. Ich muss nicht alles mit mir selbst ausmachen.
Nach dieser Zeit kam in mir ein neuer Wunsch auf:
Ich will neue Beziehungen – aber ehrlich. Ohne Maske.
Ich habe gemerkt: Wenn ich mich verstelle, um gemocht zu werden, dann gehöre ich nicht wirklich dazu. Dann mögen die Leute ein Bild – aber nicht mich.
Die Menschen sollen mich so nehmen, wie ich bin.
Mit meiner Krankheit. Mit meinen Grenzen. Mit meinen dunklen Tagen – und auch mit meiner Kraft, immer wieder aufzustehen.
Und ich habe gelernt: Solche Menschen gibt es.
Sie sind nicht viele – aber sie sind da. Menschen, die nicht weglaufen. Die nachfragen. Die zuhören. Die nicht alles verstehen müssen, aber da bleiben.
Ich habe sie gefunden, als ich aufgehört habe, mich zu verstecken.
Und das Wichtigste, was ich gelernt habe:
Ich bin der einzigste Experte, der mich wirklich kennt.
Niemand lebt in meinem Körper. Niemand kennt meine Gedanken, meine Müdigkeit, meine Ängste – so wie ich. Ich habe gelernt, auf mich zu hören. Auf mein Gefühl. Auf meinen Rhythmus. Auf meine Bedürfnisse.
Früher habe ich oft gedacht: „Vielleicht übertreibe ich.“
Heute sage ich: „Ich nehme mich ernst – weil es sonst niemand tut.“
Das ist kein Egoismus. Das ist Selbstfürsorge.
Das ist mein gutes Recht.
Nach all diesen Jahren, nach Klinikaufenthalten, Therapien, Einsamkeit, Rückschlägen und kleinen Fortschritten, kam irgendwann der Moment, an dem ich gespürt habe:
Ich möchte das, was ich erlebt habe, weitergeben.
Ich wollte nicht, dass all diese Kämpfe umsonst gewesen sind.
Ich wollte, dass mein Weg anderen Mut macht. Dass meine Erfahrungen zu Impulsen werden – für Menschen, die noch mittendrin stecken bzw. sich auf dem Weg befinden.
Dann habe ich meine Erkrankung zu meinem Beruf gemacht – und bin EX-IN Genesungsbegleiter geworden.
Das war für mich ein ganz besonderer Schritt:
Raus aus der Rolle des „Hilfeempfängers“ – und hinein in eine Rolle, in der ich anderen zur Seite stehen kann, auf Augenhöhe.
Ich begleite Menschen, die selbst psychisch belastet sind – nicht als Therapeut, sondern als jemand, der weiß, wie es sich anfühlt. Der selbst dort war. Der Wege kennt – und Umwege auch.
Ich versuche, weiterzugeben, was mir geholfen hat.
Meine kleinen Erfolge. Meine Rückfälle. Meine Erkenntnisse. Meine Hoffnung. Und manchmal einfach nur mein Dasein.
Und ich sage den Menschen, die ich begleite – so wie ich es heute euch sagen will:
Wenn ich das geschafft habe – dann kannst du das auch.
Nicht auf dieselbe Weise. Nicht in derselben Zeit. Aber auf deinem Weg, mit deinen Möglichkeiten.
Ich weiß: Es ist nicht leicht, mit einer psychischen Erkrankung zu leben – schon gar nicht in einer Gesellschaft, in der Leistung und Stärke so viel zählen.
Aber ich weiß auch:
Wir sind nicht falsch. Wir sind nicht zu schwach. Wir sind Menschen mit Geschichte. Mit Schmerz, aber auch mit Würde.
Wir dürfen uns zeigen.
Wir dürfen unsere Grenzen benennen.
Wir dürfen Hilfe annehmen.
Und wir dürfen sagen:
„Ich bin krank – aber ich bin nicht weniger wert.“
Heute bin ich sehr stolz auf mich und meinen Weg.
Und ganz ehrlich:
Heute bin ich sogar froh, dass ich krank geworden bin.
Denn diese Krankheit hat mich gezwungen, hinzusehen.
Sie hat mich verändert – aber nicht gebrochen.
Sie hat einen neuen Menschen aus mir gemacht.
Und dafür bin ich – trotz allem – dankbar.
Danke, dass ihr mir zugehört habt.